Die Einleitung einer wissenschaftlichen Arbeit

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In diesem Artikel möchte ich Ihnen erläutern, wie Sie eine Einleitung für Ihre wissenschaftliche Arbeit schreiben. Die Einleitung stellt mitunter die größte Herausforderung beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit dar. Warum dies oft der Fall ist, welche Funktion eine Einleitung hat und was Sie sonst noch alles beim Verfassen einer guten Einleitung beachten sollten, habe ich in diesem Artikel zusammengestellt.

Die Funktion der Einleitung in eine wissenschaftliche Arbeit ist, dem Leser zunächst das Thema bzw. die Fragestellung vorzustellen. Das sollte so exakt wie nur irgend möglich geschehen, damit der Leser genaustens darüber informiert ist, was in der Arbeit behandelt wird und was nicht, so dass er bereits direkt zu Beginn klären kann, ob er für sich und sein Vorhaben relevante und wichtige Informationen in Ihrer Arbeit finden oder die Arbeit getrost zur Seite legen kann. Sie werden sich jetzt vielleicht wundern, denn Sie werden sich jetzt wohl fragen: Was soll das? Der höchst wahrscheinlich einzige Leser meiner wissenschaftlichen Arbeit, die ich im Kontext meiner akademischen Ausbildung schreibe, ist doch mein Prüfer und der sollte doch eigentlich wissen, um was es in meiner Prüfungs- oder Studienleistung geht. Obwohl dieser Einwand nicht ganz von der Hand zu weisen ist, sollten Sie bedenken, dass Sie Ihren Prüfer nicht nur hinsichtlich der dargebotenen Informationen überzeugen sollen, z. B. dass Sie viel zu einem Thema bzw. einem Wissensgebiet wissen, sondern vor allem auch nachweisen müssen, dass Sie solches Wissen auch nach allen Regeln der akademischen Kunst präsentieren können. Es wird später, wenn Sie in den Beruf starten, von Ihnen als einer akademisch ausgebildeten Pädagogin bzw. einem entsprechend ausgebildeten Pädagogen erwartet, dass Sie auf hohem professionellen Standard reflektieren, argumentieren und die Ergebnisse schriftlich wie mündlich präsentieren können. Und genau diese Kompetenzen müssen Sie (neben allen inhaltlichen Anforderungen) durch die Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit während Ihres Studiums lernen und dann nachweisen. Deshalb gebe ich Ihnen den Rat: Schreiben Sie Ihre Arbeit für einen fiktiven, am Thema interessierten und neugierigen Leser und nicht für Ihren Prüfer.

Zur Vorstellung der Themen- bzw. Fragestellung gehört auch, dass Sie diese in einen Kontext einbinden. In Bezug zu welchem übergeordneten Zusammenhang spielt die Beschäftigung mit Ihrem Thema bzw. die Beantwortung Ihrer Fragestellung eine Rolle? Weshalb beschäftigen Sie sich eigentlich mit dem Thema bzw. der Fragestellung? Weshalb ist die Behandlung des Themas bzw. die Beantwortung der Fragestellung überhaupt wichtig? Solche und ähnliche Leitfragen können Ihnen dabei helfen, den Kontext Ihrer Arbeit gegenüber einem Leser aufzuklären. In der besonderen Situation, mit Ihrer Arbeit eine Prüfungs- oder Studienleistung vorzulegen, sollten Sie die Themen- bzw. Fragestellung in den Kontext des (abzuschließenden) Moduls und in den des Seminars, in dessen Rahmen Sie die Arbeit verfassen, stellen. Bei Modulprüfungen hilft hier der Blick ins Modulhandbuch und dort dann die Bezugnahme auf die Qualifikationsziele, Kompetenzen und Inhalte, die Sie im Rahmen des Moduls erwerben sollten. Tun Sie dies aber bitte nicht in der Form: „Da im Modul 1 des Faches Bildungswissenschaften von mir der Nachweis von Kenntnissen in Erziehungs- und Bildungstheorien gefordert wird, werde ich in dieser Arbeit die praxeologische Erziehungstheorie von Dietrich Benner vorstellen.” Dies wäre nicht so schön. Besser wäre es vielleicht so:

„Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich vor allem an der Ausdifferenzierung von Funktionssystemen festmachen lässt und auch nicht vor der Erziehung halt gemacht hat, wird mit der zunehmenden Entkopplung der erieherischen Tätigkeit aus den sozialen Selbstverständlichkeiten des alltäglichen Umgangs der älteren mit der jüngeren Generation (Schleiermacher 1826) und der damit einhergehenden Professionalisierung pädagogischer Praxis die Vergewisserung über die Möglichkeiten und Grenzen pädagogischer Interaktion zur Daueraufgabe eines pädagogischen Reflexionsestablishments (Luhmann/Schorr 1988). Folgt man den Ausführungen Dietrich Benners (2010), so bildet die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen pädagogischen Handelns das Zentrum der erziehungstheoretischen Reflexion im Rahmen einer Allgemeinen Pädagogik, die darüber hinaus bildungstheoretisch nach den Aufgaben und Zwecken der Erziehung fragt und im Kontext einer Theorie pädagogischer Institutionen die Gestaltung pädagogischer Einrichtungen reflektieren muss. In dieser Arbeit werde ich die Systematik der Allgemeinen Pädagogik von Dietrich Benner vorstellen, deren zentralen Aufgabe Benner in der Ausweisung einer »Grundstruktur pädagogischen Denkens und Handelns« sieht.”

Neben der Funktion, die Themen- bzw. Fragestellung vorzustellen, sollten Sie den Leser in der Einleitung erläutern, wie Sie die Themen- bzw. Fragestellung in Ihrer Arbeit bearbeiten bzw. beantworten werden. Welche Quellen setzen Sie ein? Mit welchen Methoden gehen Sie vor? Schließlich sollten Sie Ihren Argumentationsgang kurz erläutern und damit dem Leser eine Landkarte durch Ihre Arbeit an die Hand geben. Zeigen Sie ihm Ihren »roten Faden«, der sich durch Ihre Arbeit zieht. Hierbei nehmen Sie Bezug zur Gliederung Ihrer Arbeit, d.h.: Sie schreiben einen kurzen Kommentar zu Ihrer Gliederung. Dies könnte im Anschluss an das oben angeführte Beispiel etwa so aussehen:

„Der Hauptteil meiner Arbeit gliedert sich in drei Kapitel. Im ersten, überwiegend rekonstruktiv angelegten Kapitel werde ich die Überlegungen Benners zu den konstitutiven und regulativen Grundprinzipien pädagogischen Denkens und Handelns und deren systematische Beziehung im Rahmen einer nicht-affirmativen Theorie der Erziehung, Bildung und pädagogischer Institutionen zusammenfassend vorstellen. Im zweiten Kapitel werde ich versuchen zu zeigen, wie eine so aufgestellte pädagogische Reflexionstheorie im konkreten Diskurs um Erziehung und Bildung wirksam werden kann. Das versuche ich an Dietrich Benners Entgegnung zum Bonner Forum »Mut zur Erziehung« aus dem Jahr 1978 zu zeigen. Abschließend möchte ich im letzten Kapitel meine Erkenntnisgewinne in der Auseinandersetzung mit Benners Allgemeiner Pädagogik zusammenfassen”.

Sie haben sicherlich schon längst gemerkt, weshalb Einleitungen zumeist ganz am Ende des Schreibprozesses verfasst werden. Da Sie in der Einleitung dem Leser nicht nur das Thema bzw. die Fragestellung als solche, sondern auch Ihren Argumentationsgang vorstellen sollen, müssen Sie bei der Formulierung Ihrer Einleitung Ihr argumentatives Vorgehen und die endgültige Gliederung Ihrer Arbeit kennen. So betrachtet, stellt die Abfassung der Einleitung am Ende Ihres Arbeits- bzw. Schreibprozesses eine perfekte Gelegenheit dar, die Qualität Ihres Argumentationsgangs zu überprüfen. Insbesondere die Einleitung und das Schlusskapitel Ihrer Arbeit sollten zueinander passen, d.h., jene Problematik, die Sie in der Einleitung als Thema bzw. Frage aufgeworfen haben, muss in Ihrem Schlusskapitel kurz und knackig sowie zufriedenstellen gelöst bzw. beantwortet sein. Die besondere Herausforderung bei der Erstellung einer Einleitung ergibt sich daraus, dass Sie bei der Vorstellung, Erläuterung sowie Einordnung Ihrer Themen- bzw. Fragestellung sich nicht bereits in den Details verlieren, sondern sich kurz und knapp fassen sollten, allerdings so, dass im besten Fall allein durch das Lesen der Einleitung und des Schlusskapitels ein geschlossener Argumentationsgang einschließlich einer zufriedenstellenden Lösung für einen Leser erkennbar sein muss.

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Hallo! Mein Name ist Jens Geilich. Ich bin Betreiber, Administrator und Autor von www.paed-web.de. Die meisten Artikel, die ich auf dieser Homepage veröffentliche, sind Beiträge zu meinen Seminaren an der Universität Koblenz und/oder beschäftigen sich mit Themen rund um das wissenschaftliche Arbeiten.

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