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“Es sollte die große Neuauflage von 2009 werden – doch bei den gestrigen Protesten [09.06.2010; JG] blieben die Massen aus. Hat der Bildungsstreik sein Pulver verschossen?” fragt Jan-Martin Wiarda in DIE ZEIT – Online. [hier geht´s zum Artikel] Insgesamt betrachtet nahmen am Bildungsstreik 2010 wesentlich weniger Demonstranten teil, als noch im Jahr zuvor. Die Frage liegt entsprechend auf der Hand: Warum? Insbesondere müsste interessieren, weshalb dem Bildungsstreik gerade jetzt “die Luft ausgeht”, da es erst in diesem Jahr im Schatten der Finanzkrise (auch in den öffentlichen Haushalten) zu konkreten Ankündigungen von Kürzungen in einigen Bildungsetats gekommen ist. Laut Wiarda sehen die Organisatoren den Sachverhalt so: “Zu Recht sagen die Organisatoren des Bildungsstreiks heute, eine Protestbewegung lasse sich nicht beliebig in die Länge ziehen, eine auf kurzfristige Events und Engagements ausgerichtete junge Generation will sich nun einmal nicht dauerhaft für die immer gleichen Aktionen einspannen lassen”. Da ist was dran! Aber: Macht man es sich mit dieser Erklärung nicht zu leicht? An dieser Stelle kann man der Versuchung kaum widerstehen, etwas konkreter zu werden, und offen auszusprechen (wie auch Wiarda in seinem Artikel), dass Studierende dann besonders mobilisierbar sind, wenn es ganz konkret um ihr persönliches Studium geht, also wenn sie selbst an den Symptomen chronisch unterfinanzierter Hochschulen leiden: zu wenige DozentInnen, zu wenige Räume bzw. überfüllte Hörsäle, zu wenige Bücher in den Bibliotheken, zu viele Prüfungen in einem Semester etc. Werden Proteste in diese Richtung lanciert, d.h., können die Organisatoren an solche, ganz konkreten und unmittelbaren Defiziterfahrungen anknüpfen, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, eine entsprechend “kritische Masse” an bewegten Studierenden zusammen zu bekommen. Das gelingt in bestechender Regelmäßigkeit in der Bundesrepublik Deutschland nach den berühmt-berüchtigten “68er”, die ja alles andere als ausschließlich hochschul- bzw. bildungspolitisch bewegt waren (nicht nur deshalb hinken alle Vergleiche), alle 8-12 Jahre. Ist man dann, so mobilisiert, einmal auf der Straße und den Barrikaden gewesen, ist die Luft erst einmal raus aus dem Kessel. Politikerinnen und Politiker zeigen Verständnis für die Situation der Studierenden, geben Reformbedarf zu, halten ihre bildungspolitischen Sonntagsreden, nicht selten gespickt mit wenig konkreten Aussagen und vielen Leerformeln, reihen sie sich zum Teil auch selbst in die Streikfront mit ein. Streikende Studierende haben dann und so auch recht schnell Verständnis dafür, dass sich neue Hörsäle nicht von heute auf morgen bauen lassen, die Anstellung neuer DozentInnen auch nicht im Schnellschussverfahren geschehen kann etc. Der überwiegenden Mehrheit der Organisatoren und Wortführern des Bildungsstreiks 2009 und 2010 ging und geht es zwar auch, aber nicht vorwiegend um solche konkreten Symptome, sondern ihnen geht es (oft mit Recht) um die grundlegenden Strukturen hinter den Symptomen. Ihr Problem hierbei: Hierfür lassen sich seltener KommilitonInnen mobilisieren. Forderungen, die die strukturelle Ebene betreffen, sind wesentlich schwerer unter den potentiell streikenden Studierenden zu vermitteln und benötigen eine gewisse Nachhaltigkeit unter den aktiven Studierenden. D. h. vor allem auch: die Bereitschaft, sich in den Gremien der organisierten Studierendenschaft einzusetzen, sich nicht nur für deren Arbeit zu interessieren, sondern sich an dieser zu beteiligen. Hier trennt sich dann leider sehr schnell die Spreu vom Weizen. Vielleicht muss man mit Bezug auf die Struktur von BA/MA-Studiengängen und den sich daran entzündeten Protesten noch etwas bedenken. Bereits während der letzten großen Streikwelle in Deutschland vor 2009, nämlich die rund um den Jahreswechsel 1997/98, wurden die Kernbestandteile der heute sog. Bologna-Reform thematisiert. Unter den Studierenden damals wurden diese aber gerade nicht kontrovers diskutiert, nein, sie wurden überwiegend begrüßt. Zu fragen wäre: Ist diese Situation heute nicht vergleichbar? Ist es nicht auch heute so, dass die überwiegende Mehrheit (auch der protestierenden Studierenden) grundsätzlich den Kernbestandteilen der Bologna-Reform aufgeschlossen bis zustimmend gegenüberstehen und es lediglich eine Minderheit ist, die die Grundsatzfrage stellen und an den BA/MA-Studiengängen grundsätzlich rütteln wollen? Lässt sich diese Einschätzung nicht verifizieren, wenn man beobachten kann, dass es mehrheitlich oft eben nicht die Studierenden in den BA/MA-Studiengängen sind, die da aktiv streiken, sondern Studierende aus den künftig abzuschaffenden Diplom- und Magisterstudiengängen? Zumindest scheinen es – wenn überhaupt – oft Studierende aus den “alten” Studiengängen zu sein, die sich an der Grundsatzkritik beteiligen und länger bereit sind, hierfür auf die Straße zu gehen oder Hörsäle zu besetzen. Letzteres liegt mit Sicherheit nicht nur daran, dass in den BA/MA-Studiengängen strukturell die Zeit für aktive Hochschulpolitik und Gremienarbeit weniger vorhanden sei, als in den “alten” Studiengängen, denn: auch in diesen “alten” Studiengängen muss diese Zeit in den Stundenplänen freigepresst werden und gehen bei intensiverer hochschulpolitischer Aktivität ein bis zwei Semester drauf. Gerade die individuelle Bereitschaft, für hochschulpolitische Belange und studentische Selbstverwaltungsaufgaben grundsätzlich Zeit zu investieren (wohlgemerkt: nicht Zeit zum Bummel und Trödeln) bzw. investieren zu wollen, scheint den Studierenden in den BA/MA-Studiengängen mehrheitlich abgegangen zu sein. In keinem der anderen Studiengänge trifft man auf ein solch ausgeprägtes Insistieren auf Regelstudienzeiten und nicht selten auch dem Bestreben, noch schneller mit dem Studium fertig zu werden; ein regelrecht aus den Fugen geratenes “Zeiteffizienzdenken” nach dem Motto: Hauptsache in Regelstudienzeit. Neben der Frage, wer denn konkret unsere jungen Generationen so unter Zeitdruck setzt, beschleicht einem das Gefühl, dass die Leitsematik der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche anscheinend ihre ersten Geisteskinder bereits produziert hat. Übrigens: Wie lässt sich unter diesen Bedingungen am effizientesten lernen? Richtig: durch passive Lernformen in durchrationalisierten Frontalunterrichtseinheiten, in denen bestenfalls der Prüfungsstoff in bequeme Lerneinheiten zerstückelt präsentiert und zum Download (im wahrsten Sinne des Wortes) zur Verfügung gestellt wird. Dies nennt man kurzgesagt: modularisierte Studiengänge, wie z.B. die BA/MA-Studiengänge der Bologna-Reform, also die enge Verknüpfung von Lern- und Qualifikationszielen mit Zeiteinheiten (workload und creditpoints), schön abgepackt und abfragbar zurechtgelegt, was dann den Kritikern als sog. “Verschulung” negativ aufstößt. Jan-Martin Wiarda beantwortet die Frage nach den Gründen für das (in seinen Augen) Scheitern des Bildungsstreiks u.a. so: “Es bleibt die Tatsache, dass die Leitfiguren des Bildungsstreiks es versäumt haben, den Aktionen eine starke programmatische Grundlage zu geben. Es ist ihnen nie gelungen, dem kritisierten Modell von Autonomisierung und Liberalisierung des Bildungssystems eine tragfähige Alternative entgegenzustellen, die den Anforderungen an ein modernes, auch effizientes Bildungssystem im 21. Jahrhundert gerecht würde.” Diese Einschätzung ist problematisch, denn erstens wollen die meisten Studierenden keine Abschaffung der eingeführten BA/MA-Studiengänge, zumeist wurden sie mit einer solchen Forderung nicht mobilisiert, denn es ging den meisten um ihre ganz individuelle und konkrete Studiensituation, um die Symptome halt und nicht um die Struktur. Insofern brauchten die Initiatoren des Bildungsstreiks kein Alternativmodell zu den BA/MA-Studiengängen vorzulegen. Zweitens: die wenigen unter den streikenden Studierenden, die sich dann doch für ein Alternativmodell einsetzen und stark machen wollten bzw. wollen, haben ein solches Alternativmodell doch schon längst vorliegen, ja die meisten unter ihnen studieren in den Strukturen dieses (auslaufenden) Modells, nämlich in den Diplom- und Masterstudiengängen. Dort drückt der Schuh dann allerdings auch an der z.T. defizitären Ausstattung und da treffen sich dann Studierende der “neuen” und “alten” Studiengänge wieder. So kommt dann auch Wiarda zum Schluss: “Vielleicht ist es auch einfach so, dass die Mehrheit der Schüler und Studenten insgesamt doch ziemlich einverstanden und zufrieden ist mit den Bedingungen, unter denen sie lernen – solange bei ihnen persönlich nicht gespart wird”. Und leider muss man Herrn Wiarda zustimmen, wenn er dann schreibt: “Man kann und man muss das bedauern. Fest steht, dass das, was da im vergangenen Jahr größtenteils an Plattitüden aus der bildungspolitischen Mottenkiste geholt wurde, von wegen gegen den “Neoliberalismus” im allgemeinen und für “Basisdemokratie” an den Hochschulen, kaum noch einen Angehörigen der sogenannten Generation Y vom Hocker reißt. Und erst recht nicht raus auf die Straße”. Tja, so ist das nun einmal, wenn die zentralen Ideen des sog. “Neoliberalismus” inzwischen so stark in den Zeitgeist und die bestimmenden Leitsemantiken einer Gesellschaft eingedrungen sind, dass selbst die angeblichen Kritiker solcher Gedanken es nicht einmal merken, dass sie selbst längst mit diesen argumentieren bzw. diese Geister selbst hervorriefen, die sie jetzt zu kritisieren und bestreiken gedenken. Seit knapp zwei Jahren wütet die Finanzkrise und vor wenigen Monaten kam die Griechenland-Krise, die sich mittlerweile zur Euro-Krise ausgeweitet hat, noch dazu. Rettungspakete für wen und was auch immer werden geschnürt, mit unvorstellbaren Summen. Es war abzusehen, dass dies nicht spurlos an den Bildungsetats vorüberziehen wird, auch nach all den bildungspolitischen Sonntagsreden nicht. Der hessische Ministerpräsident Koch hat vor wenigen Tagen ausgesprochen, was höchstwahrscheinlich schon längst in den Schubladen oder auf den Schreibtischen der Ministerien liegt. Gerade die finanziell ach so gebeutelten Länder und der kommende, verfassungsrechtlich vorgeschriebene Schuldenstopp werden ihre roten Bleistifte spitzen und ansetzen müssen. Ein großer Posten in den Länderhaushalten ist der Bildungsetat. Und an den geht man jetzt ran.
Höchst interessant wie auch erschreckend, neben den sonstigen Berichten über drohende bzw. durchgeführte Bildungsetatkürzungen, erscheint mir eine These von Frank Schirrmacher zu sein, die er in einem Artikel auf FAZ Online vom 17. Mai (bzw. vom 16.05.2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) geäußert hatte: “Wer wissen will, wieso Roland Koch den Generationenkonflikt eröffnet und wieso ihm als Erstes einfiel, bei Bildung, Forschung und Kinderbetreuung zu sparen, darf nicht nach Griechenland schauen. Nicht nach Amerika. Er muss im Kalender genau einen Monat zurückblättern. (…) Mitte April wurden die Ergebnisse einer Studie des Max-Planck-Instituts für Demographie bekannt (MPI für demographische Forschung). Sie gingen, ausgelöst durch einen kundigen Artikel von Matthias Kamann, durch die Presse, aber wurden, wie es schien, politisch kaum rezipiert. Der Anschein trog. Denn Roland Koch muss vor einem Monat seine Schlüsse gezogen haben. Keiner analysiert Datensätze aufmerksamer als er. Keiner weiß besser, in welcher Straße, in welchem Haus, in welchem Stockwerk und an welcher Wohnungstür er sein CDU-Material ausliefern lassen muss, damit es eine messbare Wirkung hat. (…) Wilkoszewski räumte in seiner grundlegenden empirischen Studie mit einer frommen Lebenslüge unserer Gesellschaft auf: Älteren ist es in zunehmendem Maße gleichgültig, wie es jungen Familien, Heranwachsenden und Studierenden geht. Und diese Älteren sind das entscheidende Wählerpotential der Zukunft. Die Zustimmungsrate, etwa zu Kindergelderhöhungen, ist bei einem 65-Jährigen um 85 Prozent geringer als bei einem 25-Jährigen. Fragen der Kinderbetreuung, Bildung und wahrscheinlich auch jeder Form von Forschung, die nicht im weitesten Sinne medizinisch ist, spielen eine immer geringere Rolle. (…) die Gesellschaft, in die wir heineinaltern werden, wird insbesondere in den relevanten Wählerschichten eine ganz andere sein. Die Zahl kinder- oder enkelloser Älterer wächstimmer stärker (…). [Es] ist aufgrund längerer Lebenserwartung, höherer Gesundheitskosten, wachsender Separierung der Generationen ein neuer, gleichsam biologisch induzierter Egoismus vorgegeben, der sich durch Sonntagsreden nicht zähmen lassen wird”. Und Roland Koch wettet. “Die Wette lautet: Der Altersaufbau – die demographische Struktur – der Gesellschaft ist so, dass die Mehrheit der Wähler kein wirkliches Interesse an einer Zukunft hat, die länger als zwanzig Jahre auf sich warten lässt”. Das Problem: Die Eigenlogik des politischen Systems läuft nicht zuletzt über die Frage Regierung oder Opposition, also um die Frage, ob man im Falle kollektiv bindender Entscheidungen entsprechende Mehrheiten aufbringen kann, um sie durchzusetzen. In Demokratien entscheidet sich diese Frage über Wahlen und Mehrheiten beim Wählervolk. Wenn an dieser These von Schirrmacher etwas dran ist, plausibel ist sie jedenfalls, dann können sich die jüngeren Generationen “warm anziehen”. Hintergründe/weitere Artikel zur Studie:
Gestern trafen man sich in Berlin, Vertreter der Hochschulen, der Studierenden und der Politik, für letztere vorneweg die Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Was draus wurde, lässt sich in diversen Artikeln in einschlägigen Zeitungen bzw. deren Internetausgaben nachlesen. Hier eine kleine Presseschau:
Liebe Studierende, ich begrüsse Sie herzlich im neuen Semester und hoffe, Sie hatten soweit alle einen guten Start. Erfahrungsgemäß werden sich in den ersten zwei bis drei Veranstaltungswochen noch einige Verschiebungen hinsichtlich des Seminarbesuchs ergeben. Interessierte Studierende, die sich noch nicht über KLIPS zu meinem Seminar angemeldet hatten, sind herzlich eingeladen, zur ersten Sitzung am 16.04. zu kommen und am Seminar teilzunehmen. Inzwischen habe ich das Seminar auch für Studierende der Dipl. Pädagogik, des Magisterstudiengangs sowie für die Lehrämter der alten Studien- bzw. Prüfungsordnung geöffnet. Meine Sprechstunden in der Vorlesungszeit finden (wie gehabt) jeden Donnerstag von 14.00 bis 15.00 Uhr in meinem Büro (E 421) statt. Selbstverständlich stehe ich Ihnen auch außerhalb meiner Sprechstunden mit Rat und Tat zur Verfügung, soweit ich im Büro bin. Sie erreichen mich außerdem natürlich stets via Email. Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Sommersemester 2010! Während und nach den “Weihnachtsferien” blicken einzelne Zeitungen und Magazine auf den Bildungsstreik 2009 zurück:
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